AnalyseArtikel

Esports und die Olympischen Spiele: Einige Fakten, die man sich vor Augen halten sollte

Wenn es um die Zukunft des Esports geht, polarisieren die Olympischen Spiele stark, zumindest was meine persönliche Wahrnehmung betrifft. Wird Esports olympisch? Braucht der Esports die Olympischen Spiele mehr, als die Olympischen Spiele den Esports benötigen? Wann wird der Esports olympisch? Fragen, die immer wieder mit unterschiedlichem Kontext die Runde machen und durch das Internet geistern. Am 20./21. Juli 2018 hat das International Olympic Committee (IOC) nach Lausanne eingeladen, zum “The Esports Forum”.

Der folgende Artikel setzt sich aus zwei Dingen zusammen. Zum einen aus meinen persönlichen Erfahrungen als Gast des Forums und zum anderen aus meiner Präsentation, die ich beim diesjährigen SPOBIS Media und Gaming Kongress im Rahmen der gamescom gehalten habe. Mein Artikel wurde in Englisch unter dem Titel “OPINION: Three Reasons Why The Olympic Esports Forum was a Success” beim The Esports Observer veröffentlicht. Der Titel lässt vielleicht auch schon erahnen, wie ich über das Forum denke. Der folgende Artikel trägt also einige Fakten zusammen, die man im Hinterkopf behalten sollte, wenn man sich konstruktiv an der Diskussion beteiligen möchte.

 1. Grundlagen: Worum ging es eigentlich beim Esports Forum?

Leider wird häufig die Meinung und der “Fakt” verbreitet, dass IOC habe eingeladen, um die nächsten Schritte für eine Integration des Esports in die Olympischen Spiele zu diskutieren. Dem ist nicht so. Sowohl im Vorfeld der Organisation, als auch in der eigentlichen Begrüßungsrede von Präsident Bach, wurde deutlich klargestellt, dass es eben nicht darum ginge, herauszufinden wann und wie schnell man Esports integrieren kann. Das IOC hat eingeladen um ein Gespräch zu starten.

 

2. Warum ist das Thema überhaupt relevant?

In seiner Eröffnungsrede hat es Präsident Bach auf den Punkt gebracht. Man möchte miteinander sprechen, da die Olympischen Spiele und Esports um die gleiche Resource “kämpfen”:

Die Zeit von jungen Menschen.

 

3. Warum ist eine Annäherung wahrscheinlich?

Esports benötigt Strukturen. Sport hat Strukturen. Auch wenn man nicht alles kopieren muss, so gibt es einige Gemeinsamkeiten zwischen Esports und traditionellem Sport. Nicht ohne Grund sehen wir Franchises oder Langzeit-Partnerschaften – wie auch immer man sie nennen mag, einige große Esports-Ligen werden US-amerikanischem Vorbild gebaut. Sollte der DFB irgendwann eine FIFA Esports Liga aufsetzen, wird diese vermutlich auch – oh Wunder – an die Bundesliga angelehnt sein. Warum auch nicht? Esports benötigt solide Strukturen, verbesserte Umsatzmodelle und Einkommenskanäle sowie, für den Sport banale Dinge, wie Visa für Athleten, etc. Esports ist nicht die kleine Schwester des Sports, sondern ein eigenes Ökosystem. Dennoch kann man doch viele positive Dinge vom Sport übernehmen – immerhin hatte die Industrie mehr Zeit, für sich, mehr oder weniger gut, funktionierende Modelle zu entwickeln.

Aus Sicht der Olympischen Spiele ergibt das Thema Esports Sinn, da es sich bei der Zielgruppe, wie von Bach richtig adressiert, um eine junge Zielgruppe handelt, die man in jedem Falle auch für sich gewinnen möchte.

The Gemba Group Research, Global Market Size and Growth Score
(Quelle: http://thegembagroup.com/news/going-long-sports-buy-global-exchange/)

Sollte die Nachricht auf dem Bild schwierig zu erkennen sein: Die Olympischen Sommer-und Winterspiele befinden sich oben links. Was heißt das? Sehr großer globaler Markt, aber geringes Wachstum. Snowboarding, Golf, Baseball, BMX Freestyle, BMX Racing? Es gibt einen Grund, warum neue Olympische Disziplinen eingeführt werden. Und auch das ergibt Sinn. Möchte man relevant bleiben, passt man sich der Zielgruppe an.

Für diejenigen denen das nicht reicht, gibt es noch ein Argument: “Money follow relevancy.” Die Folie unten zeigt dauerhafte Sponsoren der Olympischen Spiele und ihr Engagement im Esports. Auch wenn die Marketingbudgets für beide Bereiche nicht vergleichbar sind, sieht man dass das Thema aus Marketingsicht relevant erscheint. Ich glaube, man muss sich gar nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, um zu behaupten dass das StarCraft II Turnier vor den Winterspielen in PyeongChang eine schöne Marketingaktivierung für Intel war.

Sponsoren Olympische Spiele und Esports
(Quelle: Tobias Seck für Chris Hana, SPOBIS Gaming & Media 2018)

Es bleibt also interessant zu sehen, wie relevant Esports für Sponsoren bleibt. Sollten sich große Unternehmen zusammen tun und finanziellen Druck ausüben, hat das natürlich Konsequenzen.

Was absolut nicht zu kurz kommen soll, wenn man über eine Annäherung spricht, sind die Gemeinsamkeiten. Während des Forums hat sich immer wieder herausgestellt, dass es in der Organisation, in Bezug auf Athleten und andere Punkte, Parallelen gibt. Wer hätte gedacht, dass Olympioniken und andere Profi-Athleten ähnlichen Herausforderungen begegnen wie auch digitale Athleten? Ich erinnere mich sehr gut an eine Athletin, die von ihrer Kindheit sprach: “Du wirst es doch nicht bis an die Spitze schaffen und an den Olympischen Spielen teilnehmen.” Dieser Satz erinnert mich stark an digitale Athleten, die zu hören bekommen, dass sie zu viel trainieren, also spielen, und es nicht an Spitze schaffen werden. Spitzenathlet bleibt Spitzenathlet und natürlich kann es nicht jeder bis an die Spitze schaffen. Ob traditioneller Sport oder Esports, Athleten teilen sich Werte wie den ungebrochenen Willen die Nummer Eins zu werden, hart zu arbeiten, dauerhaft zu trainieren, etc.

Ich weiß, lesen ist anstrengend, und niemand möchte die verlinkten Videos sehen. Dennoch kann ich jedem nur empfehlen, sich das Gespräch zwischen Rick Fox und Sheikh Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, President des ANOC (Association of National Olympic Committees), anzusehen. Es lohnt sich.

 

4. Also benötigt der traditionelle Sport Esports mehr als Esports den traditionellen Sport?

Ich halte diese Debatte für überflüssig. Getreu dem Thema des Esports Forums sollten wir einen Dialog führen, voneinander lernen und uns gegenseitig helfen. Ende der Geschichte.

 

5. Die Gewaltdebatte

Dr. Bach hat in seinem Interview beim Esports Forum klargestellt, dass es eine rote Linie gibt: Das leidige Thema der Gewalt im Kontext von Esports bei den Olympischen Spielen. Dazu kann ich lediglich sagen, dass es gut ist, diese Debatte führen. Wir sollten kritisch sein und bleiben. Warum sollte sich der Esports mit echter physikalischer Gewalt befassen wenn wir etwas viel besseres geschaffen haben? Boxen, Fechten, Judo, Karate, Schiessen, Taekwondo – Esports sollte sich wirklich von diesen gewaltverherrlichenden “Sportarten” distanzieren. Vermutlich würde jetzt jeder mit mir darüber diskutieren, dass es bei den genannten Sportarten nicht um Gewalt, sondern um Disziplin, Können, Training und das Kräftemessen geht. Warum kann man Esports dann nicht die gleichen Dinge zugestehen? Herr Dr. Bach persönlich hat eine Goldmedaille gewonnen – in welcher Disziplin gleich noch einmal?

 

Tags

Related Articles

Back to top button